Weihnachtsgeschichte heute

«dpa. Besorgte Bürger haben In einem baufälligen Stall nahe Bethlehem einen Säugling entdeckt. Die Polizei geht davon aus, dass er kurz zuvor geboren wurde. Er wurde von den Beamten des Sozialdienstes in Sicherheit gebracht. Die Polizei verhaftete einen Schreiner aus Nazareth, der mit einer Minderjährigen, die behauptete, die Mutter zu sein, im Stall übernachtete. Die angebliche Mutter wurde zur Abklärung in die psychiatrische Klinik eingewiesen.

 

Den Beamten des Sozialdienstes bot sich ein schreckliches Bild. Der Säugling war nur in Stoffstreifen eingewickelt und lag in einer Futterkrippe. Ein Esel beschnupperte ihn, was die hygienischen Verhältnisse zeigt. Anwesende asoziale Gestalten, die sich als Hirten bezeichneten, versuchten die Rettung des Säuglings zu behindern. Ebenso waren drei Ausländer ohne Ausweispapiere zugegen, die sich als Bürger eines östlichen Landes ausgaben. Ihr Aufenthalt ist vermutlich illegal, sie scheinen aber keine Flüchtlinge zu sein, denn sie trugen Gold und andere – möglicherweise verbotene – Substanzen mit sich. Die Chemikalien wurden zur Abklärung ins kriminaltechnische Labor gesandt.
Auf Anfrage bestätigte das Sozialamt, dass der Aufenthaltsort des Säuglings nicht bekannt gegeben wird. Die angeblich 14-jährige Mutter behauptet, noch Jungfrau zu sein. Ihr Kind sei von Gott und nicht von ihrem Begleiter. Sie wird deshalb psychiatrisch untersucht.

Diejenigen, die sich als Hirten bezeichneten, behaupteten einstimmig, dass sie von einem großen Mann in weißem Nachthemd mit Flügeln am Rücken aufgefordert worden seien, den Säugling zu begrüssen und Hosianna zu singen. Dazu sagte ein Beamter der Drogenfahndung, dass solche Aussagen auf bekiffte Drogenabhängige hinweisen. Man vermutet, dass Drogen von den anwesenden Ausländern verteilt wurden.

Die Staatsanwaltschaft bestätigte, dass sie den verhafteten Schreiner wegen Sexualdelikten mit einer Minderjährigen anklagen wird.»

So könnte die Geburt Jesu – wäre sie heute passiert – in der Presse abgehandelt werden. In den 2000 Jahren ist auf unserer Welt viel geschehen. Die Zahl der Menschen ist um das Zwanzigfache gestiegen, obwohl sie sich in vielen Kriegen gegenseitig umgebracht haben. Der heutige Mensch, ein Primat mit erweiterter Intelligenz und der Fähigkeit zur Kommunikation, hat aber viele Primateneigenschaften beibehalten, beispielsweise den Selbsterhaltungstrieb, die Emotionalität, den Kampf um die Rangordnung. Der Mensch ist kein gefügiges Wesen. Deshalb hat er sich selber
(demokratisch oder diktatorisch) viele Regeln und Gesetze für das Zusammenleben geschaffen.

 

Unsere Welt ist überfüllt mit Regeln und Vor-schriften. Die Freiheit des Individuums steht einer ständigen Einschränkung gegenüber. Verhalten sich Menschen zu 98 % positiv andern Menschen gegenüber, müssen für die 2 % negativ Reagierenden gesetzliche Einschränkungen gemacht werden, unter denen auch die 98% leiden. So dominiert die kleine Minderheit Unsozialer die grosse Mehrheit der sozial Verträglichen.

Die Festtage (Weihnachten, Neujahr) gelten als Tage der Besinnung. Interessant wäre doch, sich einmal auf den Menschen zu besinnen, der vor 2000 Jahren geboren wurde und durch sein Leben eine Bewegung in Gang gesetzt hat, deren Ziel eine Weiterentwicklung des Menschen, weg vom Primaten war. Mit seinem Spruch «Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst» hat er den grössten Entwicklungsschritt der Menschheit definiert, den Sieg der Vernunft über die von Primaten vererbten Charaktereigenschaften. Doch selbst seine überzeugtesten Jünger haben es in den 2000 Jahren weder für sich noch für andere geschafft, den Inhalt der Aussage zu realisieren. Trotzdem ist die Forderung nach Nächstenliebe nicht gestorben, sie lebt weiter und wird weiterhin ein Ziel sein, solange die Menschheit existiert. Jedes menschliche Individuum sollte dieses Ziel erkennen und sollte sich eine persönliche Ethik aneignen, damit dieses Ziel täglich in seine Gedanken, Worte und sein Handeln einfliesst. jb